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Aktuelles

Geflüchtet: Kiew - Berlin - Horst

Vier Frauen aus der Ukraine leben seit einigen Wochen in Horst. Wie kommen sie zurecht und wie finden sie es in der keinen Gemeinde? Ein Kommentar von Thorsten Pahlke.

Nadja mit Hund Mischka und Mutter Julia und Victoria mit Hund Holly und Mutter Oksana leben seit März in Horst

Wenn ich die Wörter Krieg und Flucht höre, denke ich an meine verstorbene Oma. Aus ihren Erzählungen meine ich zu wissen, was diese Wörter bedeuten. Bei Oksana, Victoria, Nadja und Julia ist es leider anders. Sie erfuhren am eigenen Leib, was diese beiden Wörter bedeuten können. Die vier Frauen stammen allesamt aus Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Zwei Mütter, zwei Töchter. Sie sind befreundet. Führten ein ganz normales Leben – bis zum 24. Februar 2022. Von dem Tage an änderte sich alles schlagartig. Es herrschte Krieg! Am 27.02. erreichten Putins Truppen den Vorort Butcha. Dn Ort Butcha assoziiere ich mit dem Wort "Kriegsverbrechen"! Denke ich an Butcha, sehe ich die toten Zivilisten, deren Hände hinter dem Rücken mit Kabelbindern gefesselt wurden. Krieg ist nicht nur grausam – Krieg ist pervers! 

Foto: Die Enkel von Oksana verstecken sich im Keller eines Hauses

 

Nadja hörte Ende Februar täglich viele Explosionen. Die Alarmsirenen heulten am Tag und in der Nacht. Immer wieder gab es Fliegeralarm. Sie versteckte sich oft in einer Tiefgarage. Auch Victoria, Oksana und Julia erging es nicht anders.Sie und ihre Freunde suchten in Kellern oder U-Bahn-Schächten Schutz. Am 10. März  packten sie ihre Sachen und verließen die Hauptstadt.

Victoria und ihr Hund Holly fuhren von Kiew nach Warschau. Von dort ging es weiter nach Berlin. Die Flüchtenden haben Freunde im Kreis Steinburg. Ihre Mutter Oksana und Nadja, Julia und Hund Mischka sind ebenfalls nach Berlin geflüchtet. Zusammen ging es dann nach Glückstadt. Dort wurde für die vier eine Bleibe gesucht und – wenig später – in Horst gefunden. Seither wohnen die vier Frauen mit den beiden Hunden in der Johannesstraße in Horst. Das pensionierte Lehrer-Ehepaar Siebert nahm sie auf. Mehr dazu weiter unten.

Foto: 24.02.2022: Der Krieg beginnt. Viele wollen raus aus Kiew

 

Was sagen die Frauen zu der aktuellen Lage? Ihr erster Eindruck? „Horst ist so klein und es gibt viele grüne Bäume. Alles ist so schön sauber hier und die Menschen sind sehr freundlich zu uns“, erzählt Julia. Ihre Tochter Nadja geht in die 10. Klasse der Jacob-Struve-Schule. Durch Zufall erfahre ich, dass sie mit meinem Sohn Finn in dieselbe Klasse geht. „Es ist eine tolle Atmosphäre in der Schule aber es ist schon etwas schwer, sich zu verständigen.“, so Nadja.

Die vier Frauen gehen viel in Horst spazieren. Sie genießen die Ruhe, den Frieden. Sie möchten einen Englisch-Sprachkurs belegen und Victoria kann sich vorstellen, eine neue Ausbildung anzufangen. In Kiew war sie Werbetexterin. Dauerhaft möchten die vier Frauen aber nicht in Horst bzw. in Deutschland bleiben. Sie möchten so schnell wie möglich wieder zurück. Viele Freunde, Bekannte und auch die Väter sind noch in der Ukraine. Die mussten in Kiew bleiben. Kämpfen müssen sie zum Glück nicht, sie helfen bei städtischen Organisationen mit. Die vier Geflüchteten haben täglich Kontakt zu den Männern. Sie telefonieren oder senden sich Videos zu. Julia hat eine Bekannte, die im Stahlwerk in Mariupol arbeitete. Sie wurde schwer am Auge verletzt und wartet darauf, dass sie die Fabrik verlassen kann. Leider wird die zugesagte Sicherheit der Fluchtkorridore immer wieder nicht eingehalten. Die Freundin hat Angst, Julia kann nichts machen.

Foto: Mit Fahrradhelm und Kissen sucht die Enkelin Schutz in der Badewanne. 

Die Frauen haben oftmals schlechte Träume. Die ersten Tage haben sie ihre Kleidung zum Schlafen nicht ausgezogen. Es steckt ihnen noch immer in den Knochen, dass sie vielleicht schnell wieder weg müssen. Flüchten. In den Keller laufen. Die Parkgarage aufsuchen. Langsam erkennen sie, dass in Horst die Welt in Ordnung ist. Die vier bedankten sich am Ende des Interviews für die tolle Gastfreundschaft und die Hilfe der Deutschen und besonders die der Horster. Sie wünschen, dass es hier niemals Krieg geben wird und der Krieg in ihrer Heimat schnellstens wieder aufhören wird.

 

Nach dem Interview besuchte ich noch Anke und Klaus Siebert. Ihr Haus ist in zwei Wohneinheiten aufgeteilt. „Vor kurzem wurde eine Einheit, die wir vermietet hatten, frei“, erzählte der Horster. Im März erfuhr das Paar von einem guten Bekannten, dass er eine Unterkunft für vier Kriegsvertriebene sucht. Der Bekannte ist der besagte Freund der vier Frauen. „Da mussten wir nicht lange überlegen“, sagte Anke Siebert. Als feststand, dass die vier Ukrainerinnen bei ihnen einziehen würden, fragte die pensionierte Lehrerin in ihrer Sportgruppe nach Utensilien des täglichen Lebens. „Ich war überwältigt. Die Resonanz war großartig. Im Nu hatten wir viele Dinge zusammen, die Klaus mit dem Anhänger alle einsammelte“, schwärmte die Horsterin. Das Ehepaar freut sich, den Vertriebenen eine Zuflucht diesen zu können. Beide helfen den vier Frauen bei den täglichen Dingen des Lebens. Einkaufen und Behördengänge stehen fortan mit auf der To-do-Liste der beiden Horster. So half Klaus Siebert beispielsweise bei der Anmeldung im Amt. Dort gaben die Frauen bekannt, dass sie noch zwei Hunde mit nach Deutschland gebracht haben. „Wir waren kaum Zuhause, da war auch schon der Steuerbescheid im Briefkasten“, lachte Siebert, der die Bürokratie in Deutschland mitunter nicht versteht. Das Amt merkte an, dass hier im Zuge der Gleichberechtigung gehandelt wurde.

Als besonders herausfordernd stellt sich die Kommunikation zwischen den beiden Wohnparteien dar. „Etwas schwierig ist es dann mit der Verständigung schon. Mit Händen und Füßen und etwas Englisch klappt es dann aber doch ganz gut.“, so Klaus Siebert. Wenn alle Stricke reißen, kommt Dolmetscherin Jenny. Sie stammt aus Russland und lebt seit vielen Jahren in Horst. Sie half auch bei der Übersetzung des Interviews.

Als ich mich von den vier Flüchtlingen verabschiedet hatte, gaben Sie mir noch einen Zettel in die Hand. Sie baten mich, diesen ebenfalls zu veröffentlichen. Den Inhalt finden Sie am Ende des Artikels.

Vorher möchte ich noch sagen, dass mich das Interview – bzw. des Grund des Interviews – sehr traurig machte. Diese vier Frauen, mit den beiden kleinen Hunden, haben das mitgemacht, was meine Oma mir damals versuchte zu erklären. Für mich war das Thema immer ganz weit weg. Krieg? Das war mal! Das gibt es nicht mehr. Der Krieg ist tot… doch leider schaffen es auf dieser Welt Faschisten, Diktatoren und Anti-Demokraten immer wieder, Kriege anzufangen. Dieses Mal ist er jedoch nicht 12.000 Kilometer von uns entfernt. Dieses Mal wütet er vor unserer Haustür.

Doch wo Schatten ist, ist zum Glück auch Sonne und diese lassen die unzähligen Helferinnen und Helfer scheinen. Ich finde es ganz bemerkenswert und hervorragend, wie viel Zeit, Kraft und Engagement diese Gruppen, ob in Horst, im Kreis Steinburg, Schleswig-Holstein und überall, investieren. Ohne diese ehrenamtlichen Gruppierungen und Arbeitsgemeinschaften würde die Aufnahme der Flüchtlinge, deren Betreuung und Integration komplett – entschuldigen Sie meine plumpe Ausdrucksweise – den Bach runterlaufen!

Danksagung

Wir danken den Menschen in Deutschland für die großartige Unterstützung der Menschen in der Ukraine, unseren deutschen Freunden Michaela und Mattew Clayton und den lieben Menschen in Horst. Anke und Klaus Siebert, die uns ihr Zuhause zur Verfügung gestellt haben und uns bei allen Fragen helfen. Und auch danke an die tolle Jenny, die bei der Übersetzung geholfen hat.

Oksana, Victoria, Nadja und Julia

Die Handyfotos stellte uns freundlicherweise Victoria zur Verfügung