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Pferdezuchtbetrieb hat neuen Eigentümer

Harm Thormählen ist erleichtert, dass es auf seinem Traditionsbetrieb seit 1647 mit der Pferdezucht weitergeht.

 „Es war nicht leicht, einen passenden Nachfolger für unseren Pferdzuchtbetrieb zu finden. Aber ich bin mir sicher, mit Philipp Baumgart den Richtigen gefunden zu haben“, zeigt sich Pferdezüchter Harm Thormählen (77) aus Kollmar zufrieden. Im Sommer des letzten Jahres hat er den Betrieb an den Neffen seiner Frau Ingela überschrieben. Harm Thormählen hat den Betrieb im Ortsteil Langenhals seit 1973 geführt und kann auf Zuchterfolge mit weltbekannten Sportpferden und Deckhengsten zurückblicken. Der Betrieb ist nur noch einer von wenigen hauptberuflichen Pferdezüchtern in der Region. Harm Thormählen blickt zurück: „Kollmar war einmal die Gegend mit der größten Dichte an Züchtern der Holsteiner Pferde.“ Als Grund dafür erklärt er: „Auf dem schweren Marschboden wurden Arbeitspferde gebraucht, die kräftig und gesund waren. Und durch die Auslese behielt man die besten davon und veredelte sie ab den 1960er Jahren zu Reitpferden. Die Holsteiner Pferde sind mutig, willig und springfreudig. Die Rasse war lange Zeit Weltmarktführer bei den Springpferden.“ Der Pferdebetrieb Thormählen mit 50 Hektar Land hat aktuell einen Stamm von 30 Zuchtstuten, die jährlich etwa 25 Fohlen zur Welt bringen. Insgesamt werden 120 Pferde von drei festen Angestellten und drei Auszubildenden versorgt.

Betriebsnachfolger Philipp Baumgart (49) kommt aus Verden an der Aller und war bereits als Kind öfter auf dem Pferdehof bei seiner Tante Ingela in Langenhals. Nach einer kaufmännischen Ausbildung hat er zunächst bei einer Reitturnierorganisation gearbeitet, anschließend Betriebswirtschaft in Hamburg studiert und dabei auf dem Thormählen-Hof gewohnt. Nach einer zweijährigen Tätigkeit als Auktionsleiter beim Verband der Holsteiner Pferde in Elmshorn hat er vier Jahre das Gestüt von Alwin Schockemöhle geleitet. „Auf dem Betrieb waren 150 Angestellte und 5000 Pferde. Ich wollte aber wieder zurück zum einzelnen Pferd mit individueller Betreuung und bin deshalb auf den elterlichen Hof nach Verden zurückgegangen.“ Als dieser Betrieb 2008 an die Kinder übergeben wurde, übernahm Philipp Baumgart zwei Hektar Land und gründete darauf einen Betrieb zur Ausbildung von Springpferden. Seine Frau Bettina und die Kinder Marie, Amelie, Anabel und Isalie sind ebenfalls mit Lust und Leidenschaft dabei und reiten alle. Und man merkt Philipp Baumgart die Begeisterung für Pferde an: „Pferdezucht und Pferdesport sind unser Leben. Dabei verschwimmen für uns die Grenzen zwischen Beruf, Arbeit, Freizeit und Entspannung.“

Um Hochleistungspferde zu bekommen, braucht es eine gute Genetik, aber ebenso eine gute Ausbildung und einen passenden Reiter

Philipp Baumgart – Betriebsnachfolger

Da der Betrieb in Verden aber noch weiterläuft, kommt er zurzeit nur ein bis zwei Tage in der Woche vorbei, um die betrieblichen Abläufe zu organisieren. Diesmal hat er seinen Freund Pato Moente mitgebracht, der in der Nähe von Soltau einen eigenen Pferdebetrieb hat. Moente hat 2017 als Reiter das Derby in Hamburg mit dem in Langenhals gezogenen Pferd „Zera“ gewonnen. Philipp Baumgart: „Regelmäßig besuchen wir uns, um uns über die Qualität der Pferde und über mögliche Kunden auszutauschen. Das ist für uns beide ein Gewinn.“ Denn der Betrieb lebt vom Verkauf der ausgebildeten Springpferde. Harm Thormählen rechnet vor: „Wir haben hier mit allem Drum und Dran tägliche Kosten von 1.500,- Euro. Damit sich der Laden dreht, müssen wir schon mal alle zwei Jahre ein Pferd für 200.000,- Euro verkaufen.“ Bis zur Verkaufsreife eines Pferdes im Alter von etwa fünf Jahren müssen mit der Bedeckung, Pflege und Ausbildung etwa sechs Jahre vorfinanziert werden. Harm Thormählen: „Bei dem Verkauf von Durchschnittspferden wird oft um jeden Euro gefeilscht - bei dem Verkauf der Spitzenpferde an internationale Reiter laufen die Preisverhandlungen viel entspannter.“ Die Basis für den guten Namen des Betriebes, der 80 Prozent ins Ausland verkauft, liegt in der Stutenbasis. Aus den Stämmen von Retina (1952 – 1974), dem Deckhengst Capitol (1975 – 1997) und Fine Zera (190 – 2018) sind international erfolgreiche Springpferde gezogen worden. Zuchtziele sind die Sprunghöhe und die Schnelligkeit. Bei den internationalen Springparcours wie bei der Olympiade ist normalerweise eine Höhe von 1,60 Meter aufgelegt. Harm Thormählen erzählt, dass ein Pferd bei ihm die Höhe von 2,20 Meter übersprungen hat und Pato Moente berichtet, dass der Weltrekord bei 2,43 Meter liegt.

Philipp Baumgart will an der Zucht der Holsteiner Pferde festhalten, durch Einkreuzungen vereinzelt aber noch die Qualität verbessern. Er weiß: „Um Hochleistungspferde zu bekommen, braucht es eine gute Genetik, aber ebenso eine gute Ausbildung und einen passenden Reiter.“ An der Größe des Betriebes will er auch nichts ändern. „Hochleistungspferde sind sehr sensibel. Sie brauchen eine individuelle Betreuung mit Zeit und Ruhe.“ Alina Schampus ist als Pferdewirtin auf dem Betrieb tätig. Sie pflegt und reitet die jungen Pferde in der Halle oder auf dem Reitplatz. „Pro Pferd brauche ich dafür täglich eine Stunde.“ Alle sechs bis acht Wochen kommt der Hufschmied vorbei. Hendrik Baasch aus Heiligenstedten braucht für das Raspeln und Aufsetzen neuer Eisen ebenfalls eine Stunde pro Pferd. „Der Hornschuh wächst in sechs Wochen so stark, dass das Pferd nicht mehr ordentlich läuft und es zu Verletzungen kommen kann.“

Durch die Hofübergabe ist Harm Thormählen erleichtert, dass es auf seinem Traditionsbetrieb seit 1647 mit der Pferdezucht weitergeht und dass auf den Weiden um den Hof weiterhin viele junge Pferde zu sehen sein werden.

Text & Fotos: Herbert Frauen